Palliativ Care im Max Brauer Haus

Palliativ Care ist der Oberbegriff für alle Bereiche der Versorgung unheilbar Schwerkranker und Sterbender. Die Bezeichnung „palliativ“ leitet sich vom lateinischen Wort “pallium” ab und heißt so viel wie Mantel oder Umhang. Das steht für Linderung, Schutz und Wärme. Das englische Wort „care“ steht für Versorgung, Betreuung, Aufmerksamkeit.

Würdevoller Sterbeprozess
„Für uns im Max Brauer Haus spielt Palliativ Care eine große Rolle. Es ist immer wieder unsere Aufgabe, Menschen in der letzten Lebensphase zu begleiten“, so Andreas Kottsieper, Pflegedienstleiter mit eigener Fortbildung im Bereich Palliativ Care. „Ganz entscheidend ist dabei die eigene Haltung. Wir begegnen dem Bewohner respektvoll, fragen was er heute kann, was er sich zutraut, was er möchte. Wir fragen auch: Wie hat er gelebt, was ist ihm wichtig, was hat er für Vorlieben? Nur so kann ein würdevoller Sterbeprozess gelingen.“

Michaela Böhler, 54, ist seit 2012 als examinierte Altenpflegerin im Max Brauer Haus tätig.

Aus der Praxis

Frau Böhler, was war Ihre Motivation, sich 2017/18 zur Palliative Care Fachkraft weiterbilden zu lassen?
Diese Fortbildung hatte ich mir in einem Mitarbeiterjahresgespräch gewünscht. Die letzte Lebensphase eines Menschen sollte für den Betroffenen so angenehm, schmerzfrei wie möglich gestaltet werden können. Es gibt so viel, was man in diesem Bereich wissen muss.

Wie verlief die Fortbildung?
Es ging dabei um Fachwissen aus dem medizinischen Bereich, z.B. wie man gezielt Schmerzmittel einsetzt, wie man lagert. Aber es geht auch darum, wie man darüber hinaus Menschen am Ende des Lebens Gutes tun kann. Außer der medikamentösen Schmerzbehandlung sowie von Ängsten und schlimmen Übelkeiten gibt es noch weitere Methoden um das Leiden zu lindern, z.B. Basale Stimulation, den Einsatz von Aromaölen oder Akupressur.

Wie setzen Sie die Erkenntnisse in Ihrer Praxis um?
Wir sorgen dafür, dass es einem Menschen in der letzten Lebensphase so gut geht wie möglich, dass er nicht leiden muss. Bei Bedarf holen wir ein externes Palliativ-Team (SAPV) dazu, das die medizinische Versorgung leistet. Dieses Team mit einem Arzt setzt eine optimale Schmerzmedikation ein, die vom Pflegepersonal verabreicht werden kann. Darüber hinaus sind diese Menschen 24 Stunden für uns und den Betroffenen erreichbar.
Wir möchten aber darüber hinaus natürlich auch, dass sich die Bewohner wohlfühlen, dass sie umsorgt sind. Dafür habe ich in der Fortbildung viele wertvolle Anregungen erhalten.

Können Sie Beispiele nennen?
Ein Mensch kann zum Schluss oft nicht mehr schlucken, Nahrung bei sich behalten. Auf Wunsch können Geschmackserlebnisse angeboten werden, z.B. Gummibärchen, die wir in einen Tupfer einlegen und diesen in den Mund schieben. Das gibt einen süßen Geschmack. Oder wir nutzen die neuen weicheren Mundpflegesticks, sie sind angenehmer für die Bewohner. Wir können sie z.B. mit Bratensauce einsetzen, wenn der Bewohner gerne herzhaft gegessen hat oder wir können sie in den Kaffee tunken. Ein anderes Hilfsmittel sind Duftöle, von denen wir wissen, dass der Bewohner sie gerne mag. Das alles ist abgestimmt auf die Lebensgeschichte des Bewohners. Manchmal kennen wir sie sehr gut – wenn der Mensch schon vorher länger bei uns war. Aber auch wenn ein Mensch erst in der allerletzten Lebensphase bei uns aufgenommen wird, können wir gemeinsam mit den Angehörigen noch Vorlieben herausfinden.

Beratung in der letzten Lebensphase

Seit 1. März 2019 sieht das Gesetz nach §132g SGB V die „Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase“ vor. Dafür gibt es eine spezielle Fortbildung, an der Milena Corrigox, Wohnbereichsleitung im Max Brauer Haus, im allerersten Hamburger Kurs 2018/19 teilgenommen hat.

Milena Corrigox, 39, ist als Wohnbereichsleitung und stellvertretende Pflegedienstleitung seit Oktober 2017 im Max Brauer Haus tätig.

Aus der Praxis

Frau Corrigox, für wen ist die neue Beratung gedacht?
Für alle Bewohnerinnen und Bewohner im stationären Bereich, aber auch der Kurzzeitpflege. Der Bewohner soll die Möglichkeit haben seine letzte Lebensphase nach seinen Wünschen zu gestalten und dies schriftlich mit uns festzuhalten. Zum einen werden grundsätzliche Absprachen getroffen. Der Bewohner wird nach seinen letzten Wünschen und der Begleitung im Sterbeprozess befragt. Zum anderen werden rechtliche Vorkehrungen besprochen. Denn obwohl viele Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen haben, sind diese oft ungenau formuliert und werden nicht regelmäßig aktualisiert. Dabei gebe ich Hilfestellung. Es werden dabei konkrete Fragen behandelt, die die letzte Lebensphase in medizinischer Hinsicht  betreffen: Soll reanimiert werden, soll künstlich Flüssigkeit zugeführt werden? Wenn gewünscht werden auch Angehörige in den Beratungsprozess einbezogen.

Sie haben ja auch bislang schon besprechen müssen, ob ein Bewohner im Haus versterben möchte und darf und unter welchen Umständen. Was ist neu?
Bislang haben wir diese Klärung erst zu einem späteren Zeitpunkt herbeigeführt. Das neue Beratungskonzept soll dazu beitragen, diese Fragen so früh wie möglich zu klären. Nach Einzug gibt es eine Eingewöhnungsphase, aber dann kommt schon bald diese Beratung. Jeder hat den Anspruch, so oft beraten zu werden, wie er möchte und jeder kann so oft seine Meinung ändern, wie er möchte. Außerdem wird jetzt die Beratungstätigkeit dokumentiert und von den Krankenkassen vergütet. Das finde ich gut, denn es ist ein Signal: Wir machen hier etwas, das wichtig ist.

Konnten Sie Ihr Wissen aus der Fortbildung schon anwenden?
Ja. Im ersten Beratungsgespräch sprechen wir meistens darüber, wie die letzte Lebensphase aussehen soll. Was können wir von der Pflegeseite her Gutes tun? Sollen wir am Bett sitzen? Sollen wir die Hand halten? Ist Aromatherapie gewünscht? Wir schauen nochmal gemeinsam in die vorliegende Biografie, identifizieren Wünsche für die letzte Lebensphase und vervollständigen bei Bedarf. Diese Informationen werden dann an die Alltagsbegleitung und an die Pflegekräfte weitergegeben.

Gibt es eine Art Fragenkatalog, den man in so einem Gespräch abarbeitet?
Ja, es gibt bestimmte Fragen, die angesprochen werden sollen, aber letztlich bestimmt der Bewohner, worüber er sprechen möchte und worüber nicht. Es gibt auch Tabuthemen, die ich dann respektiere. Und es gibt auch Bewohner, die möchten, dass wir ausschließlich mit den Angehörigen sprechen. Auch das achten wir.

Freuen Sie sich auf diese Erweiterung Ihres Arbeitsfeldes?
Ja, total. Es bereichert mich. Diese Arbeit kommt den Bewohnern und den Mitarbeitern zugute. Die Dinge, über die da gesprochen wird, haben eine große Tragweite. Wenn es soweit ist, ist es sehr wertvoll, sie zu wissen.

Die Gespräche führten wir im März 2019.

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