Nass und trocken

Abschied vom Hansenbarg (2006)

Hallo, jetzt stehe ich hier, weil es im Leben einige wirklich wichtige Tage gibt. Der heutige gehört dazu und ist unter den wichtigen Tagen, wenn ich zurückdenke, ein ganz besonders wichtiger.

Als ich vor vier Monaten auf dem Hansenbarg ankam, es war ein regnerisches Wetter und das Wasser rann mir von der Stirn, kam ich mir vor wie bei einer Taufe. Als beginne der Eintritt in einer Gemeinschaft als Patenkind, das in einer anderen neuen Welt aufgenommen wurde.

Die ersten Wochen war ich noch sehr unsicher und gewöhnungsbedürftig in dieser neuen Welt. Doch im Laufe der Zeit und mit Hilfe meiner Paten habe ich mich ganz gut eingelebt und zurechtgefunden. Ich habe mit dem Willen, nie mehr zu trinken, dem Alkohol den Kampf angesagt. Durch viele Gespräche mit Therapeuten und vor allem auch in unserer Gruppe sowie in unseren Indikativen Gruppengesprächen habe ich mich und auch euch immer besser kennen gelernt und bin dadurch auch nachdenklicher geworden. Vor allem habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt, wie habe ich bisher gelebt und wie wird meine Zukunft aussehen.

Als nasser Alkoholkranker habe ich mir die Welt schön gesoffen ohne zu merken wie krank ich eigentlich war.

Vorher - war ich ein intelligenter nasser Alkoholkranker!

"Du warst pitschnass!" sagte meine Frau spontan, als wir darüber gesprochen haben!

Und jetzt - bin ich ein intelligenter trockener Alkoholkranker, der seine ersten großen Schritte aus dem Gefängnis Alkohol geschafft hat.

Was ich auch für sehr wichtig halte zu sagen, ist, dass meine Frau auch mit mir zusammen in diesem Gefängnis gelebt hat und wir jetzt zusammen die Freiheit neu kennen und leben lernen müssen!

Ich sehe jetzt auch meine Vergangenheit und mein Verhalten mit ganz anderen Augen und aus ganz anderen Gesichtspunkten.

Ich freue mich auch über die Veränderung die in mir vorgegangen ist. Sei es der Umgang mit anderen Menschen oder dass ich freier und offenherziger über mich zu sprechen vermag. Auch dass ich kein Schamgefühl mehr empfinde, wenn ich außerhalb dieser Klinik über meine Krankheit und Therapie mit anderen spreche. Ich will an dem was ich hier gelernt habe intensiv und hart weiterarbeiten. Auch weiß ich, dass noch ein schwerer Weg vor mir liegt, aber immer mit dem Zielgedanken, nie wieder Alkohol zu trinken und das, was ich bisher erreichte, auch voller Stolz und Freude anderen weitergeben zu dürfen, um auch meine Selbstzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen.

Es war für mich eine schöne und erfolgreiche Therapie- und Lehrzeit auf dem Naturpark Hansenbarg.

Dafür danke ich der Klinikverwaltung, den Therapeuten, der medizinischen Abteilung und der Hauswirtschaft. Sie haben mir manchmal das Gefühl gegeben als wäre ich der einzige Patient im Haus.

Danke auch an euch, liebe Mitpatienten. Ich empfand, dass wir eine gute und verständnisvolle Gemeinschaft hatten und würde mich freuen, wenn es auch weiterhin hier so bleiben wird.

Hierzu möchte ich noch ein Zitat von Theodor Fontane einbringen, das jedem von uns immer wieder helfen wird:

"Das Menschlichste, was wir haben ist doch die Sprache, und wir haben Sie, um zu sprechen…."

Ich wünsche uns allen eine trockene Zukunft und ich sage mit leichtem Herzen

ADE und tschüss!!!!

Herr Markgraf schreibt uns heute (2017):

Seit meinem Abschied vom Hansenbarg „lebe“ ich die alkoholfreie Lebensweise.  Ich lernte die Guttempler in der qualifizierten Entgiftungsstation im Asklepios Klinikum Rissen kennen. Danach besuchte ich die Gesprächsgruppe der Gemeinschaft und nach meiner Langzeittherapie im September 2006 auf dem Hansenbarg war es für mich selbstverständlich, weiterhin die Gruppe zu besuchen.  Nebenbei nahm ich noch 6 Monate an einer Nachsorgetherapie teil. 

Nach einem Jahr der Selbstfindung entschloss ich mich, der Guttemplergemeinschaft in Wedel beizutreten. Nach kurzer Zeit übernahm ich die Öffentlichkeitsarbeit und wurde stellvertretender Leiter der Gemeinschaft und leite seit 2009, nach einer 130stündigen Suchthelferausbildung, die parallellaufende Gesprächsgruppe.  Im Landesverband der Guttempler in Schleswig-Holstein engagiere ich mich als beratendes Vorstandsmitglied der Öffentlichkeitsarbeit. In diesem Jahr werde ich meine 10jährige Guttempler-Mitgliedschaft feiern.

 

 

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