Bereicherung

Eine Abschiedsrede von 2007. Die Patientin lebt seit dieser Zeit alkoholfrei, ohne Rückfall. Nach einer qualifizierten Nachsorge besucht sie bis heute regelmäßig 1 x wöchentlich eine Selbsthilfegruppe.

Nur ein paar Gedanken
Als ich 2007 zum Hansenbarg kam, war ich sehr reich. Einen ganzen LKW hatte ich dabei, voll bepackt, als wenn ich umziehen wollte. Was mir nicht klar war, ich würde umziehen, umziehen in eine neue Zukunft.

Was für eine Bereicherung, aber auch was für ein Weg. Es gab viel zu tun, also arbeitete ich daran. Nur, so einen Berg voll unnötiger Dinge, gepaart mit unangenehmen Gefühlen, Ansichten eines Clowns und z.T. das Verhalten eines unreifen Kindes aufzuräumen, ist nicht so einfach. Was ich so alles aufgehoben habe von dem ich dachte: Na ja, vielleicht brauchst Du das noch --- bis hin zu Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten.

Was für ein Berg. Zunächst einmal stand ich nun vor dem Chaos meines Lebens, das es aufzuräumen galt. Nur, wo anfangen? Einen Schrank mit leeren Schubladen hatte ich noch. Nur, wie sollte ich sie einrichten und beschriften. Was würde ich wirklich noch gebrauchen, welche Fähigkeiten und Eigenschaften sollte ich wecken und was könnte nun wirklich endgültig ad Acta gelegt, bzw. vergraben werden. Zunächst einmal stellte eine der Therpaeutinnen mir die kleinen Zwerge vor, die leider das Gegenteil von Heinzelmännchen waren und ganz viel dummes Zeug verursacht hatten. Auch der Fiesling hatte mitgespielt. Packen wir‘s an, das nicht überschaubare Problem. Viele hilfreiche Hände kamen von allen Seiten auf mich zu. Was für eine Bereicherung.

Eine weitere Therapeutin sorgte erst mal für die Mülltrennung. Denn schließlich wollte ich die unnötigen Dinge unwiderruflich und richtig entsorgen. Nur damit war es nicht getan. Wie sollte ich denn wissen, was noch wertvoll für mich ist, jedes Gefühl hierfür hatte doch der Alkohol mitgenommen. Gerne wäre ich geflüchtet. Stattdessen sah ich mich auch noch mit meiner Bezugstherapeutin konfrontiert. Puuuh, Auswege suchen war zwecklos! Auch bei Erfinden von Umwegen (das konnte ich schon immer gut!!) stnad sie mir im Weg. Schlimmer noch, je mehr ich aufräumte, desto mehr Chaos und Unrat kam aus meinem LKW zum Vorschein. Als ich mich dann heranwagte, um mich zu beschweren - es reicht jetzt aber, ich will fertig werden - gab sie zur Antwort: Sie finden Ihre Punkte ganz von selbst. Auch das noch, was für eine tolle Bereicherung.

Unter dieser Aufsicht blieb mir nichts anderes übrig als weiter zu machen. So manche Dinge wollte ich nicht verstehen. Doch in den Einzelgesprächen der fragende Gesichtsausdruck: Das meinen Sie jetzt nicht wirklich - bis hin zu einem verneinenden Blick, wenn ich ein Ja sehen wollte. – Puuuh ! ! Anfangs dachte ich dann: Was soll denn das schon wieder, was ist denn hieran therapeutisch wertvoll? Doch mit eigenständigem Nachdenken kam auch das Bewusstsein: Es ist keine ausgedachte Schikane, es ist Fürsorge. Meine Bezugstherapeutin übernahm den Part der Fürsorge für mich, den ich selbst noch nicht sehen konnte. Mit diesem wertvollen Geschenk an der Seite leerte sich mein LKW Stück für Stück weiter. Was für eine Bereicherung.

Die Seele war jetzt in sehr guten Händen, nur was macht der Körper. Auch dieser Kerl meldete sich heftigst zu Wort. Plötzlich merkte ich seine Rückmeldungen, die ich jahrelang mit Hilfe von unserem Fiesling ignoriert hatte. So machte ich mit dem Physiotherapeuten Bekanntschaft, einem kleinen Sadisten. Wobei ich erwähnen muss, dass die beiden Damen in seinem Team nicht viel besser sind. Die Eine: Und jetzt geben wir zum Schluss noch einmal Vollgas. Die andere ließ keinen Versuch aus, auch nur einen Punkt zu finden, der schmerzfrei war. Eines haben die drei jedoch gemeinsam: Sie sind äußerst liebevoll!!! Was für eine Bereicherung.

Jetzt fehlt auch noch etwas Entspannung. Ich lief einer weiteren über den Weg. Sie stellte mir Günter* vor. Was für ein Tag. Fortan war es mit der Nachtruhe vorbei. Dieser innere Schweinehund kam abends in mein Bett und ließ mir keine Ruhe. Eine tierische Motivation in Form eines Buches. Fast alle Mitpatientinnen der Frauengruppe machten ebenfalls mit ihm Bekanntschaft. Er hilft ungemein, Dinge zu erkennen, warum man 1000 Gründe findet, etwas zu tun oder zu unterlassen. Was für eine Bereicherung.

Aber nicht genug des Guten. Körper und Seele sollten jetzt auch noch zusammenarbeiten. Was für ein Ansporn. Beschäftigungstherapie ist angesagt. Auch hier gibt es kein Entkommen: „Ach, Ton liegt Ihnen nicht? Da haben wir noch Holz, Speckstein, Seide, Farben in verschiedenen Variationen anzubieten, für jeden etwas dabei“. Mit gekonnter Anleitung ist sogar bei mir etwas herausgekommen, was man erkennen kann. Was für eine Bereicherung.

Nun fehlte nur noch ein wenig Arbeit. Nicht, dass die bereits entdeckten Dinge keine Arbeit sind, mitnichten, aber wir haben doch noch Kapazitäten frei, die es zu entdecken gibt. Arbeitstherapie in der Hauswirtschaft! Wie groß ist ein großes kleines Kopfkissen im Gegensatz zu einem kleinen kleinen Kopfkissen? Wie lege ich das Betttuch griffbereit zurecht? Wie erkläre ich jetzt, dass das blaue und rote Putztuch nicht in die Küche gehört, das die Nachtbereitschaft gelbe Bettwäsche hat und auf den Tüchern für die Physio Hansenbarg steht. Wird es mir am Freitagnachmittag gelingen ohne nasse Füße den Ort des Geschehens zu verlassen, um Montag wieder von vorne anzufangen, dafür zu sorgen, dass alle gut in ihrer frischen Bettwäsche schlafen. Wie beruhige ich den neuen Patienten, dass das Saunatuch mit der Nummer 13 kein Unglück bringt und wie erkläre ich, dass die Arbeitshose und –jacke nicht vom Designer  entworfen wurden. Mit einer Engelsgeduld und sehr viel Verständnisließ sich die Hauswirtschaftsleiterin trotz all unserer Bemühungen nicht unterkriegen und so ganz nebenbei ist sie dann auch noch in der Nachtbereitschaft, am PC und in der Cafeteria zu finden. Ist in der Küche Not am Mann, ist sie auch da zu finden. Vom Eindecken für Seminare und Besuch ganz zu schweigen. Ihr gilt unser besonderes Dankeschön. Was für eine Bereicherung.

Ein Dank an Euch alle, an alle, die mich geärgert haben. Dadurch habe ich gelernt, damit umzugehen. An die, die ab und zu ein Lächeln oder ein liebes Wort übrig hatten oder einfach nur da waren. Über eine liebe Umarmung, eine fürsorgliche SMS oder Gutenachtwünsche habe ich mich immer sehr gefreut. Was für eine Bereicherung.

Jetzt ziehe ich um in meine neue Zukunft. Zukunft ist das, was ich daraus mache. Mein Kopf ist wieder klar, meine Augen können vernebelte Dinge wieder sehen, meine Ohren können Warnsignale aufnehmen, auch mal eine Anerkennung und auch Kritik annehmen. Wünsche zu äußern, aber auch mich zu wehren, bin ich verbal wieder in der Lage. Meine Hände können wieder kreativ sein, geben und nehmen. Ich stehe mit beiden Füßen - zugegeben wenn auch noch etwas wackelig - auf festem Boden. Mein LKW ist fast leer, eine Schublade in meinem Schrank gibt es noch mit dem Rest zu füllen. Ich weiß jetzt aber, wie ich sortieren muss. Zu guter Letzt habe ich mich am Ende doch noch verliebt, ja, ja wirklich verliebt in ein neues Leben. Mit neugierigen Augen schaue ich auf das Morgen und gehe nun meinen Weg. Was für eine Bereicherung.

Meinem privaten Lexikon habe ich ein Wort für den Begriff Bereicherung zugefügt. Es lautet
Hansenbarg.

Danke und tschüss

* „Günter, der innere Schweinehund“ von Stefan Frädrich, illustriert von Timo Wuerz, erschienen im Gabal Verlag

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