04.10.2018

Pflegehelferin im Max Brauer Haus: Corinna Tobschall

„Ich mag das Familiäre hier.“

Frau Tobschall, Sie arbeiten seit zehn Jahren im Max Brauer Haus. Warum?

Das war ein glücklicher Zufall! Eine Bekannte meiner Mutter hat damals hier gearbeitet und mir von der freien Stelle erzählt. Ich hab schnell eine Initiativbewerbung gemacht und bin genommen worden. Meine Erfahrungen aus meiner – wegen meiner Kinder abgebrochenen - Ausbildung zur Haus- und Familienpflegerin haben dabei geholfen.

Was hat Sie an einem Beruf in der Pflege gereizt?

Mein erstes Schulpraktikum in der Pflege habe ich mit 14 gemacht. Ich bin schon immer mit älteren Leuten gut klargekommen und ich hatte auch schon immer ein kleines Helfersyndrom. Ich mag die Arbeit einfach und ich habe auch nicht vor, etwas anderes zu machen.

Was sind Ihre Aufgaben im Max-Brauer-Haus?

Im Frühdienst fängt das an mit der Grundpflege, Essen anreichen, Toilettengänge - und natürlich läuft auch die psychosoziale Betreuung immer automatisch mit. Teilweise unterstützen wir auch bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten: Essen vorbereiten, Essen verteilen. Im Spätdienst geht dann alles wieder rückwärts: Kaffee verteilen, Abendbrot vorbereiten und verteilen, Bewohnerwünsche erfüllen und abends dann alle wieder ins Bett bringen.

Wieviel Bewohner betreuen Sie?

Auf unseren zwei Stationen sind es je 30 Bewohner. Wir Mitarbeiter sind alle einer Station fest zugeteilt, aber natürlich springen wir auch mal auf der anderen Station ein.

Wie sind die Arbeitszeiten?

Frühdienst geht um 6 Uhr los und bis 14 Uhr. Spätdienst geht von viertel vor zwölf bis 20 Uhr 15. Alle zwei Wochen arbeite ich Samstag und Sonntag.

Das passt zu Ihrem Familienleben?

Glücklicherweise! Mein Mann fängt auf, was liegenbleibt. Für mich ist es das Schönste, wenn ich nach einem Dienstwochenende den Montag frei habe – das ist dann wirklich frei für mich.

Was machen Sie dann?

Gar nichts! Ich schnapp mir den Hund und geh spazieren und ansonsten: Couching, Buch lesen, einen Film gucken, schlafen… Einfach nur Luft holen.

Was ist das Anstrengende an der Arbeit?

Das durchgehende In-Bewegung-Sein, immer auf den Beinen, immer unter Strom.

Woran liegt das?

Früher waren die Bewohner auf Station noch fitter, noch nicht so stark dement. Sie konnten mehr mithelfen z.B. beim an- und auskleiden. Heute ist die körperliche Belastung größer. Aber ich finde die psychische Belastung schwerwiegender. Nicht, dass die alten Leute mir ihr Leid klagen, um Gottes willen! Das gehört dazu. Ich hätte aber gerne mehr Zeit für sie. Aber irgendwie kriegt man es trotzdem immer hin.

Wie viele Leute arbeiten in Ihrem Wohnbereich?

Acht bis zehn Leute. Pro Dienst sind wir zu dritt. Dazu kommen unsere Alltagsbegleiter, das sind richtige kleine Goldstücke, die uns entlasten. Unsere Wohnbereichsleitung ist auch immer ansprechbar. Und unsere examinierte Kraft ist für jegliche Notfälle und Eventualitäten da. Den Pflegedienstleiter holt man sich mit ins Boot, wenn etwas Dramatisches passiert.

Haben Sie auch Auszubildende oder Bufdis?

Am 1.8. fangen zwei neue Auszubildende an.

Frau Tobschall, was ist das Schöne an diesem Beruf?

Man bekommt ganz viel Dankbarkeit und ganz viel Liebe zurück. Oder das Gefühl, dass ich jemandem helfen und nochmal ein Stück Leben geben konnte. Das macht mich glücklich. Das ist ja deren Zuhause hier. Was sie wollen, das kriegen sie auch von mir.

Was wollen die Bewohner?

Einen bestimmten Tee mit einer ganz bestimmten Menge Honig, ein ganz bestimmtes Schwarzbrot vom Bramfelder Bäcker. Meistens sind es Essens- oder Getränkewünsche, die sie von früher kennen.

Sie haben das Thema Sterben angesprochen.Wie ist das für Sie?

Schwierig. Man sagt ja, es sollte eine gesunde Distanz zu den Bewohnern geben. Das funktioniert aber bei mir nicht immer. Wir haben Bewohner, die fünf oder sechs Jahre bei uns sind. Man baut eine Beziehung auf – jeder, der was anderes sagt, lügt. Schläft die Person ein ist es schwer. Aber sterben gehört zum Leben dazu und ich werde, wenn ich die Möglichkeit habe, immer dabei bleiben, wenn ich spüre dass es zu Ende geht.

Wie läuft es mit den Angehörigen?

So unterschiedlich, wie die Bewohner sind, sind auch die Angehörigen. Solange man einander mit Respekt begegnet, ist alles in Ordnung in meinen Augen.

Welche Fähigkeiten braucht man für Ihren Beruf?

Empathie, Menschlichkeit, soziales Denken! Sich in den Bewohner hineinzuversetzen, wenn er im krümeligen Bett liegt. Wenn er mal nicht essen mag oder mal schreit, sich nach dem Grund fragen. Das darf man nicht abtun und nur möglichst schnell seine Arbeit fertigkriegen wollen! Das ist mir wirklich sehr sehr wichtig.

Ihr Beruf hat nicht so einen guten Ruf…

Ja, das stimmt. Altenpflege wird immer noch abgetan mit „Arschabwischen“ – auf gut Deutsch gesagt. Das ist völliger Blödsinn. Es ist ein toller vielfältiger sozialer Beruf.

Was ist das Besondere am Max Brauer Haus?

Es ist ein kleines Haus, jeder kennt jeden. Ich mag das Familiäre hier. Das Vertrauen ineinander. Auch die Tarifverträge sind hier gut. Klar läuft auch immer mal was schief, aber wo ist das anders?

Auch Ihre Tochter fängt nach einem Bundesfreiwilligendienst ihre Ausbildung hier an.

Sie mag die Kollegen, sie mag die Bewohner, sie hat sich hier schon toll entwickelt – ich finde es gut, aber sie darf natürlich nicht in meinem Wohnbereich sein, sonst wird es als Mutter schwierig…

Sie sind auch Betriebsratsvorsitzende. Warum?

Damit wir überhaupt einen Betriebsrat haben. Denn man weiß nie, was kommt. Außerdem bin ich ein sehr neugieriger Mensch und lerne gerne dazu.

Was war Ihr bisheriges Highlight im Max Brauer Haus?

Ganz besondere Bewohner, die mein Herz gewonnen haben. Die glücklich sind, wenn ich da bin. Ich mag es, zu wissen, dass sie mich brauchen. So macht es einfach mehr Spaß, weil ich weiß, ich tue etwas Sinnvolles.

Danke für das Gespräch, Frau Tobschall, das wir im August 2018 führten.

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
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