25.05.2018

Sozialpädagoginnen in der Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe: Alexandra Stefaniak (l.) und Sabrina Müller (r.)

"Was mich Tag für Tag begeistert ist, dass man so nah am Menschen dran ist."

Frau Stefaniak, wie sieht heute Ihr Arbeitstag aus?

Ich bin im Tagdienst und habe Termine mit drei Frauen, die ich betreue. Eine Frau begleite ich zum Arzt, mit den beiden anderen spreche ich in meinem Büro. Außerdem biete ich heute die Frauengruppe im Rahmen der Eingliederungshilfe an. Wir wollen bouldern gehen. Dazu gehört – und das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Arbeitsalltags – die Frauen zu motivieren und Verbindlichkeiten zu schaffen.

Was gibt es heute für Sie zu tun, Frau Müller?

Ich habe später einen Termin mit der Teamleitung, um einen Fall zu besprechen und einen Termin vorzubereiten. Dann habe ich zwei Gesprächstermine mit Klientinnen und im Anschluss betreue ich noch einen Einzug. Da gilt es, nochmal die Wohnung abschließend anzuschauen und der Frau die Ankunft möglichst schön vorzubereiten.

Wie viele Klientinnen betreuen Sie?

Stefaniak: Als Vollzeitkraft betreut man fünf Klientinnen und als Teilzeitkraft ungefähr drei. Wir sind beide Vollzeit da.
Müller: Wir arbeiten mit dem Bezugsbetreuersystem, d.h. man hat immer noch eine zweite Kollegin mit in der Betreuung.

Teilen Sie beide sich auch die Betreuung einer Klientin?

Müller: Ja, wir sind beide zuständig für eine junge Mutter mit zwei Kindern.

Was sind Ihre Aufgaben und Tätigkeiten in einer Mutter-Kind-Betreuung?

Müller: Am Anfang steht die wichtige Ankommensphase. Man lernt sich kennen, man sieht die Bedarfe der Frau und der Kinder, man schaut was notwendig und zu tun ist. Das ist immer sehr individuell. Beim Start sind auch viele formelle Dinge zu erledigen wie Ummeldungen, Arztsuche, evtl. Kitaplatzsuche oder die Anbindung an Therapieplätze, Frühförderung etc.

Stefaniak: Es gibt unterschiedliche Baustellen im Leben der Mütter, an denen wir nach und nach arbeiten. Der wesentlichste Bestandteil der Betreuung ist natürlich die Beziehungsarbeit. Hier müssen wir ein Vertrauensverhältnis zu den jungen Müttern aufbauen.

Welche Angebote gibt es für die Kinder?

Müller: Wir bieten einmal wöchentlich eine Mutter-Kind-Gruppe und Babysprechstunde an, um z.B. Größe und Gewicht der Babys zu prüfen. Zusätzlich begleiten wir zum Teil Morgensituationen und Abendrituale, um im Anschluss gemeinsam mit den Müttern zu reflektieren, was gut gelaufen ist.

Frau Stefaniak, Sie selbst sind 25 Jahre alt und arbeiten mit Klientinnen, die ähnlich jung sind wie Sie. Wie ist das für Sie?

Am Anfang war das schon etwas, worüber ich mir häufiger Gedanken gemacht habe. „Wie komme ich bei den Frauen an? Werde ich ernst genommen?" Mit diesen Fragen habe ich mich auseinander gesetzt. Aber man entwickelt sich hier enorm schnell, wird vor große Herausforderungen gestellt und hat viel Verantwortung. So wächst natürlich auch das Selbstvertrauen und das merken die Frauen auch.

Können Sie das bestätigen, Frau Müller?

Ja. Auch, wenn ich schon 27 bin, als Sozialpädagogin bin ich noch Berufsanfängerin. Und es ging mir tatsächlich genauso. Aber je selbstbewusster man selbst ist und auf die Frauen zugeht, desto mehr wird man auch ernst genommen und desto mehr kann man sich auch durchsetzen. Was ich auch sehr deutlich gemerkt habe: Das Wichtige ist die Beziehungsarbeit. Wenn eine Beziehung da ist, egal wie alt man ist, ist das eine gute Arbeitsgrundlage. Hilfreich ist es ebenfalls, eindeutig und transparent zu bleiben, weil die Frauen Unsicherheiten schnell spüren. In einem offenen, direkten Gespräch erreicht man die Klientinnen am ehesten.

Sie betreuen nicht nur junge Mütter mit Kindern sondern auch Frauen mit psychischen Erkrankungen. Was sind die Unterschiede in der Arbeit?

Müller: Gar nicht so viele. Manchmal muss man sich schon deutlicher abgrenzen. Aber Nähe und Distanz sind im sozialen Bereich immer ein großes Thema. Ansonsten können sich die Themenschwerpunkte unterscheiden: Sei es die Anbindung an eine Schule oder Ausbildung, an eine Schuldnerberatung, an psychiatrische Nachsorge – also an stabilisierende Angebote generell. Es gibt beispielsweise auch Frauen mit sozialen Phobien, die sich nicht alleine raustrauen. Wir sind dann unterstützend dabei und erarbeiten eine Veränderung in diesen Bereichen mit den Frauen. Manchmal geht es auch um das Familiennetzwerk, darum, Kontakt zu Angehörigen aufzubauen. Auch Hobbies können Gesprächsthemen sein und Freizeitgestaltung generell. Und sowohl für unsere jungen Mütter als auch für einzelne Frauen gilt: Perspektiven aufbauen ist wichtig. Wie soll es weitergehen? Was ist möglich?

Was macht Ihnen an Ihrer Tätigkeit besonders Spaß?

Müller: Eigentlich das, was wir grade erzählt haben: Die Vielfalt gefällt mir am besten. Ich werde jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt und wachse auch persönlich über mich hinaus. Man kann – und muss - sich hier wirklich gut entwickeln.

Stefaniak: Mir machen die Gruppenangebote am meisten Freude. Ich schaffe gerne Situationen, die sich für alle Beteiligten ganz normal anfühlen und in denen wir ganz alltäglich miteinander Spaß haben, miteinander lachen. Wenn so eine Situation entsteht, ist das ein guter Arbeitstag.

Ihr stationäres Team hier in der Bürgerweide ist zehn Personen stark. Was bedeutet Ihnen die Teamarbeit?

Stefaniak: Durch die Kollegen fühlt es sich nie so an, als würde man jemanden alleine betreuen, als wäre man alleine belastet mit Krisen oder schweren Fällen. Wir vermitteln uns schon das Gefühl, dass wir immer zusammen an allem arbeiten.

Müller: Dazu tragen auch die Dienstbesprechungen und der Austausch, der zwischendurch stattfindet, bei. Wir treffen uns oft mittags, um uns nochmal auszutauschen und können auch schwierige Themen gut untereinander ansprechen.

Haben Sie Supervision?

Ja, regelmäßig.

Und wie kommen Sie persönlich mit den Belastungen des Berufes klar?

Müller: Wenn mein Dienst sehr anstrengend war, gehe ich gerne nochmal unter Leute oder zum Sport. So kann ich runterfahren. Und natürlich hilft der Kontakt zu Freunden und Menschen, die mir nahe stehen. Die Ausgleichstage, Urlaub und persönliche Ziele finde ich als Selbstfürsorge wichtig.

Stefaniak: Ich finde es wichtig, privat Beziehungen zu führen, die sehr stabil sind und mir Kraft geben. Auch Freizeitaktivitäten schaffen einen Ausgleich. Und natürlich gibt mir auch das Team echt viel Energie.

Wenn Sie hören, dass sich jemand in der Alida Schmidt-Stiftung bewirbt, was sagen Sie demjenigen? Lohnt es sich hier zu arbeiten?

Stefaniak: Viele empfinden den Bereich als hart und schwierig. Aber wer sich hier bewirbt, der bringt meines Erachtens auch die Motivation mit, sich mit schwierigen Situationen und biografischen Erlebnissen auseinanderzusetzen und damit zu arbeiten. Man reift selbst – das ist der Lohn. Was mich Tag für Tag begeistert ist, dass man so nah am Menschen dran ist. Man bekommt die ganze Lebenswelt der Menschen mit und ist auch Teil davon.

Was war Ihr persönliches Highlight bislang?

Stefaniak: Die Gruppenreisen. Ich habe eine Frauenfahrt im Rahmen der Eingliederungshilfe begleitet, da waren wir für drei Tage in der Nähe vom Plöner See. Und die Frauen dort nochmal anders zu erleben als hier in dem Alltag, in dem es ja auch um ernste Themen geht, hat mich sehr bereichert. Dann habe ich noch zwei Bauernhofreisen mit den ganzen Kindern ohne Mütter begleitet – das war eine intensive Erfahrung.

Müller: Bei mir sind es auch Situationen im Alltag. Wenn ich merke, dass Klientinnen mir gegenüber authentisch sind, mit ihren Ängsten und auch ihren positiven Gefühlen und Gedanken. Auch fühlt es sich gut an, Klientinnen in ihr selbstständiges Leben entlassen zu können. Es ist schön zu wissen, dass sie eine Perspektive entwickelt haben.

Sehen Sie Ihre Arbeit als nachhaltig?

Stefaniak: Man darf nicht zu ungeduldig sein. Oft ist es so, dass sich erst nach Jahren oder erst zu einem späteren Zeitpunkt etwas bei den Frauen verändert. Es zieht nicht jede Frau mit einer tollen Perspektive hier aus – für viele kommt das erst später. Dann sind wir vielleicht gar nicht mehr Teil des Lebens dieser Frauen, aber da vertrauen wir darauf, dass es so ist.

Müller: Dem kann ich voll zustimmen. Man muss bei sich bleiben und daran glauben, dass die Arbeit was bewirkt und so auch den Klientinnen begegnen und ihnen gute Werte vermitteln. Und wenn es nur eine kleine Sequenz ist, die gut in Erinnerung bleibt oder wenn es hier für ein paar Jahre ein sicheres Zuhause ist…. Dadurch haben wir auch schon viel bewirkt.

Alexandra Stefaniak, 25 Jahre, absolvierte das Anerkennungsjahr ihres Sozialpädagogik-Studiums in der Einrichtung in der Bürgerweide und seit 1,5 Jahren als Sozialpädagogin eingestellt. Sabrina Müller, 27 Jahre, arbeitet seit knapp 1,5 Jahren als Sozialpädagogin in der Einrichtung.

Dieses Interview haben wir im Mai 2018 geführt. Vielen Dank!

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
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