13.02.2018

Bundesfreiwilligendienst in der TGJ: Sven Sadowsky

"Mir eröffneten sich völlig neue berufliche Möglichkeiten."

Herr Sadowsky, Sie waren 2015/16 Teilnehmer des Bundesfreiwilligendienstes (BFD). Was haben Sie vorher gemacht?

Zu Begin der 90er habe ich im Bereich der Mikrotechnologie für ca. 12 Jahre  gearbeitet. Um beruflich neue Luft zu schnappen habe ich die Branche gewechselt und bin in die Gastronomie gegangen und habe dort zum Schluss als Betriebsleiter agiert. Mein Wissensdurst und der wiederholte Wunsch nach Veränderung ließ mich eine selbstfinanzierte Ausbildung zum psychologischen Berater (Vorbereitung auf die Heilpraktiker-Psychotherapie-Zulassung) antreten und erfolgreich absolvieren.

Wie sind Sie auf die Idee mit dem Bundesfreiwilligendienst gekommen?

Auf der Suche nach einem praktischen Eingang in den psychotherapeutischen als auch sozialpädagogischen Bereich stieß ich auf den BFD, den ich in dieser Form, also für über 27jährige, nicht kannte. Mit dem Gedanken, dabei auch noch der Gesellschaft etwas zurück zu geben, erkundete ich die Möglichkeiten und Einsatzorte des BFD.  

Was hat Sie daran gereizt?

Der Reiz lag in dem völlig neuen Tätigkeitsbereich und der Art der Tätigkeit, nämlich arbeitsmarktneutral und quasi als Art des Praktikums und Sprungbrett in diesen Bereich der Arbeit.

Wieso sind Sie gerade in die TGJ gekommen?

Nach langer Suche und dem Besuch vieler interessanter Einsatzorte entschied ich mich als Wunscheinrichtung für die TGJ. Die Außendarstellung und die umfassende Arbeit der TGJ und der Alida Schmidt-Stiftung überzeugten mich. Diese Auffassung verfestigte sich nach dem Vorstellungsgespräch, das in dieser Art zwar ungewohnt für mich war, aber seinen Reiz hatte. Somit war ich auch glücklich über die Zusage.

Was waren Ihre Aufgaben?

Der Aufgabenbereich war sehr groß und dadurch auch sehr spannend. Er begann bei für einen „Zivi“ typischen Bereich der Hauswirtschaft und Haustechnik (Küche, Fuhrpark etc.) über ein in dieser Einrichtung neues Serviceangebot für Klienten (Servicebüro), Unterstützung des Verwaltungsteams (Aufnahme, Telefonzentrale, Schriftverkehr etc. ) bis hin zur Teilnahme an verschiedenen Arbeiten des therapeutischen und sozialpädagogischen Teams (Kunsttherapie, Fallbesprechung, Hausversammlung, Übergaben etc.).

Wie lief es?

Der Anfang gestaltete sich natürlich etwas ungewohnt, da einige dieser Tätigkeiten bisher nicht zu den üblichen in meinem Berufsweg zählten. Später war ich ein vollzähliges Mitglied des gesamten Teams, in dem ich auch viel Wertschätzung und Unterstützung erhalten habe und es mit meinem Wissen und Können mit  aller Kraft und nach meinen Möglichkeiten unterstützte.

Sie waren mit 44 Jahren ein älterer Bundesfreiwilliger. Wie war es für Sie, sich diese „Zwischenzeit“ zu gönnen?

Die ständige Bereitschaft etwas Neues zu lernen sowie meine Flexibilität und mein Sinn fürs Soziale gaben  mir den Ansporn mir solche „Auszeiten“ auch mal zu nehmen. Es  handelte sich dabei ja um eine für die berufliche Zukunft förderliche Auszeit.

„Guckten“ Ihre Freunde komisch, dass Sie sich für diesen Weg entschieden haben?

Für die Anfangszeit galt: Sie guckten nicht nur komisch, sondern drückten sich auch in diesem Sinne aus. Es war für einige schon sehr ungewohnt, dass ich diesen Schritt wagen wollte und es mangelte ganz ehrlich auch an Zutrauen bei dem Einen oder der Anderen. Später waren Freunde und Bekannte überzeugt, dass dies ein richtiger und wichtiger Schritt war, gerade auch wegen der positiven und sehr offensichtlichen Veränderungen, die ich beruflich als auch privat vollzogen habe

Wie ging es nach dem Bundesfreiwilligendienst für Sie weiter?

Während meiner Bufdi-Zeit konnte ich meine berufliche Neuorientierung verfestigen und meine Zukunftsperspektiven genauer benennen. Daraus ergab sich der Wille, weiterhin in diesem Bereich arbeiten zu wollen und ich sondierte den Markt nach Möglichkeiten. Ich entschied mich für eine berufsbegleitende Weiterbildung zum staatlich anerkannten Erzieher. Den Praxisteil leiste ich in der TGJ ab. Nach kurzen Verhandlungen ergaben sich hier auch Möglichkeiten und die Einrichtung unterstützte mein Vorhaben in vollem Umfange.

Wie läuft die Ausbildung ab?

Sie dauert drei Jahre. An zwei festen Tagen in der Woche geht es zur Fachschule für Sozialpädagogik und mit einer Wochenarbeitszeit von 15h übe ich den praktischen Umgang des Erlernten. Dabei sind auch von Beginn an eigene Projekte geplant und verpflichtend. Diese Ausbildung beginnt direkt im Anschluss an meine BUFDI-Zeit im August.

Sie haben nun, im Januar 2018, die Hälfte der Ausbildung hinter sich. Wie läuft es?

Zum Februar gehe ich in das 4. Semester und habe damit die Hälfte geschafft. Zum Anfang der Ausbildung gab es innerlich schon ein paar Bedenken dem Lerntempo in erwarteter Form in meinem „Alter“ noch einmal hinterherzukommen. Es ist sicherlich auch nicht von Schaden, wenn man mit einem gesunden Maß an Skepsis an eine derartige Veränderung geht. Diese waren jedoch bereits nach wenigen Wochen verflogen. Anders als erwartet war die Art und Weise, und damit auch das Tempo, des heutigen schulischen Lernens ganz anders und für mich sogar wesentlich besser. So konnte ich schon nach kurzer Zeit durch die erarbeiteten Noten sämtliche Vorbehalte aus der Welt schaffen. So lag der Notendurchschnitt in allen drei Semestern im sehr guten Bereich, sprich unter 2. Zudem habe ich nach und nach weitere Aufgaben und Verantwortung im schulischen Bereich übernommen. Seit dem Beginn des dritten Semesters bin ich einer von zwei Klassensprechern und habe mich in der ersten Schülerratssitzung auch zur Wahl des Schulsprechers gestellt. Hierbei wurde ich einstimmig ins Schulsprechergremium gewählt. Diese Verantwortung habe ich gerne übernommen und ist ein sehr spannender Teil meiner schulischen Ausbildung. So kann ich behaupten sehr zufrieden mit der ersten Hälfte zu sein.

Was genau sind die Inhalte des Praxisteils?

Den praktischen Teil meiner Ausbildung leiste ich in der Sozialen Reha der TGJ an bisher zwei Tagen, in Zukunft an drei. Der Einsatzort liegt in der Elsa-Brändström-Str. in unmittelbarer Nähe der Bundeswehr Universität. Meine Aufgaben sind vielfältig und spannend. En Detail betreue Klienten in Gruppenarbeiten mit den Inhalten der Vernetzung und Verselbstständigung, sowie in Trainingsangeboten die Rahmenbedingungen zur Rückkehr in eigenen Wohnraum zu schaffen. Ebenfalls leite ich Gruppen mit an, die sich mit der effektiven Freizeitgestaltung beschäftigen. Auch Angebote zu historischen Themen wurden durch mich angeboten und durchgeführt. Z. B. habe ich mit einer Klientengruppe die KZ-Gedenkstätte Neuengamme unter zusätzlicher Führung eines Museumspädagogen besucht und uns intensiv mit den Klienten mit diesem Thema beschäftigt. Hier ging es darum, sich als Teil der Gesellschaft im Bezug auf historische Ereignisse zu begreifen, geschichtliches Wissen anzueignen und politisch, wie auch persönlich Stellung zu beziehen. Gerade dieses Angebot war von positivem Feedback geprägt, aus dem Klientel als auch aus dem Team.

Wie geht es Ihnen heute mit der Ausbildung und Ihrer Entscheidung dafür?

Es war eindeutig die richtige Entscheidung. Es gibt nichts zu bereuen und ich bin sehr glücklich dieses Ziel so konsequent verfolgt zu haben. Ich muss an diesem Punkt auch einigen vielen Personen aus der TGJ und der Alida-Schmidt-Stiftung danken. Viele gaben mir wichtige Impulse und Rückendeckung für die Entwicklung zu dieser Entscheidung, andere haben dann den Weg geebnet, den Praxisteil in der TGJ zu absolvieren. Ich bin dankbar.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit NACH der Ausbildung?

Ja, die habe ich. Zur Zeit sind es jedoch viele, ich bin voller Elan und sprühe vor Tatendrang. An erster Stelle steht mein Wunsch nach erfolgreichem Abschluss weiterhin in der TGJ zu arbeiten. Als Arbeitgeber empfinde ich die Alida Schmidt-Stiftung und damit auch die TGJ als einen sehr fairen und offenen, bei dem auch die Wertschätzung der Mitarbeiter nicht nur theoretisch im Plan steht, sondern aktiv praktiziert wird. Ebenfalls ist das direkte Arbeitsumfeld, die Teams, die Kollegen, das Arbeitsklima ein sehr schätzenswertes. Aber auch beruflich bin ich noch nicht fertig mit Bildung. Ich spiele ganz ernsthaft mit dem Gedanken, soweit es sich zeitlich und finanziell ermöglichen lässt, noch ein Psychologiestudium dranzuhängen. Ich überrasche meine Freunde und die Familie gerne nochmal, um auf eine vorige Frage nochmal zurückzukommen. Lernen macht mir Spaß und dann auch gleichzeitig in einem hoch anspruchsvollem Berufsfeld zu arbeiten, verdoppelten diesen.

Noch einmal ein Blick zurück auf den BFD: Hat sich das für Sie gelohnt?

Wie ich oben schon beschrieb, eröffneten sich mir durch den Freiwilligendienst in der TGJ völlig neue Möglichkeiten in eine neue Berufswelt und meine persönlichen Perspektiven, also: JA!

Was raten Sie Menschen, die über eine Teilnahme am Bundesfreiwilligendienst nachdenken?

Jeder, der auch nur ein kleines Interesse daran hat, der Gesellschaft mit seiner Tatkraft unter die Arme zu greifen, Stiftungen und soziale Einrichtungen zu unterstützen oder der sich aus einer Unsicherheit heraus eine Berufsorientierung wünscht, ist im Freiwilligendienst sehr gut aufgehoben. Es gibt die Varianten des 6-, 12- und 18-monatigen Dienstes, die Wahl der Einrichtung ist frei und diese sind auch sehr glücklich und froh über jede Unterstützung. Es ist eine Erfahrung, die nachhaltig wirkt und  je nach Art des Einsatzortes gibt es viele Lernmöglichkeiten.  

Lieber Herr Sadowsky, danke für dieses Interview, das wir im Januar 2018 führten.

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
Verknüpfung zur Startseite