06.12.2017

Sozialtherapeutin in der TGJ: Lisa von Reckow

"Ich hatte in all den Jahren immer tolle Teams mit tollen Kolleginnen und Kollegen."

Frau von Reckow, Sie gehen in eineinhalb Monaten den Ruhestand. Freuen Sie sich?

Ja, das tue ich. Aktuell am meisten darauf, dass ich nicht mehr jeden morgen früh aufstehen muss, sondern erst mal dieses gute Urlaubsgefühl haben werde. Und dann steht meinem Mann und mir die ganze Welt offen – das ist sehr schön.

Wie lange waren Sie in der TGJ beschäftigt?

Seit über 17 Jahren, konkret seit Anfang März 2000.

Wie war Ihr beruflicher Weg bis dahin verlaufen?

Ich habe drei Jahre Sozialarbeit in Fulda studiert. Mein Verwaltungspraktikum habe ich dann wieder in Hamburg im Sozialamt in den Grindel-Hochhäusern absolviert. Zum therapeutischen Praktikum war ich bei „therapiehilfe e.V.“. Dort bin ich also in den Suchthilfebereich einsteigen.
Drei Jahre bin ich geblieben und habe auch meine gestalttherapeutische Zusatzausbildung gemacht. Es schloss sich eine Familienphase an. Als meine Tochter zwei Jahre alt wurde, habe ich angefangen, ehrenamtlich in der „AIDS-Hilfe“ als Supervisorin zu arbeiten. Da Aids und HIV zu dieser Zeit eine große, neue Thematik war, wurden mehrere Bundesmodelle zur Aufklärung entwickelt. Ich bin in einem dieser Bundesprojekte - Fortbildung für Mitarbeiter/innen in Sozialstationen - gelandet. Dort habe ich vier Jahre gearbeitet, bevor ich mir anschließend mit einer Kollegin eine Vollzeitstelle in der „Stiftung Berufliche Bildung - Fachwerkstatt für Suchtgefährdete“ geteilt habe.

Was hat Sie dann in die TGJ verschlagen?

Die Kollegin, mit der ich vorher schon sehr eng zusammengearbeitet hatte, hatte hier in der TGJ ein Vorstellungsgespräch, in dem der Personalleiter nach weiteren potenziellen Mitarbeitern gefragt hat. Sie hat mich vorgeschlagen und so sind wir zusammengekommen, die TGJ und ich.

Was ist für Sie das Interessante an der Suchthilfe?

Meine Lebensgeschichte. Da ich in den 60/70er Jahren groß geworden bin, gab es in meinem Umfeld Menschen, bei denen Drogen eine große Rolle spielten. Einige konnten nicht so gut damit umgehen und sind letztendlich an einer Überdosis gestorben. Das ist mein Zugang zu dieser Thematik.

Wie waren Ihre beruflichen Etappen in der TGJ?

Angefangen habe ich in der Nachsorge im Elfsaal in Jenfeld. Es folgte die Trennung unserer beiden Arbeitsbereiche Adaption und Soziale Rehabilitation. Seitdem bin ich bis heute in der Sozialen Reha tätig. Wir haben einige Standortwechsel hinter uns, jetzt sind wir in der Elsa-Brändström-Straße beheimatet.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

In der Sozialen Reha, dem letzten Part in der Therapiekette einer Suchtbehandlung, betreue ich mit meiner 28-Stunden-Stelle immer etwa sechs bis zehn Klienten und Klientinnen. Diese haben hier eine eigene kleine Wohnung, lernen, sich wieder selber zu versorgen und müssen sich ihren Tag möglichst selbstständig strukturieren. Dabei unterstützten wir sie. Wer stationär hier lebt, den sehe ich anfangs 1 x in der Woche, später dann 14tägig zum sozialpädagogischen Gespräch. Wir begleiten auch zu wichtigen Terminen. Aber natürlich klingeln auch Klienten bei Problemen oder aufregenden Lebenssituationen an der Bürotür. Das bieten wir auch offensiv an. Wir wollen möglichst individuell auf die Menschen eingehen. Und dabei auch die vielen vielen Berichte schreiben, die von den Kostenträgern gefordert werden.

Die stationären Klienten sind durchschnittlich drei Monate hier, bei teilstationärem Aufenthalt ein halbes Jahr. Das ist die geplante Dauer, aber da das wichtigste Problem für unsere Klienten die Wohnungssuche ist, ist es fast unmöglich dieses Problem in dieser Zeit zu lösen. So ist die tatsächliche Verweildauer ein bis zwei Jahre.

Wie sind Sie im Team aufgestellt?

Unser Team besteht aus sechs Personen, zusammen betreuen wir etwa 35 bis 45 Klienten. Wir haben regelmäßige Teambesprechungen, wir haben Fallbesprechungen, wir haben Supervision. Gemeinsam mit einem Kollegen mache ich eine themenzentrierte Gesprächsrunde, mit einer anderen Kollegin eine Aktivgruppe. Ziel dort ist es, zu lernen, wie man sich einen Stadtteil mit seinen Angeboten erobert, ohne Bier zu trinken – Minigolf oder Dart spielen, Bürgerhaus besuchen und dort Angebote wahrnehmen, ins drogenfreie Café von therapiehilfe e.V. gehen und so weiter.

Was ist für Sie das Besondere an der Arbeit in der Sozialen Reha?

Für mich ist das Besondere, dass die Klienten schon so weit gekommen sind auf ihrem Gesundungsweg. Sie haben schon viele gute große Schritte gemacht und sind oft sehr stolz darauf, wie klar sie wieder in die Welt gucken können. Den letzten Schritt zu begleiten, das finde ich sehr schön. Wenn z.B. jemand eine Wohnung findet, das ist schon eine große Freude. Andererseits ist das für die Klienten aber immer noch mal eine Herausforderung, die wir auch noch unterstützen.

Wie gehen Sie mit Belastungen im Arbeitsalltag um?

Mit den Arbeitsjahren erleichtert sich der Umgang mit Belastungen. Aber auch der gute Austausch mit den Kollegen und die gegenseitige Unterstützung helfen einem dabei, nicht so viel mit nach Hause nehmen. Und natürlich ist auch eine gute Supervision sehr wichtig.

Sie sind der Stiftung 17 Jahren treu geblieben. Warum?

Hier gibt es ungewöhnlich viele Möglichkeiten zur Arbeitsgestaltung. Und ich hatte in all den Jahren immer tolle Teams mit tollen Kolleginnen und Kollegen. Außerdem bin immer gerne auf Fortbildungen gewesen und habe mich sehr gerne ausgetauscht. Das wurde mir ermöglicht.

Sie waren auch sehr aktiv im Betriebsrat?

Ja, acht Jahre, u.a. als Vorsitzende. Ich konnte mich für die Kolleginnen und Kollegen einsetzen und konnte auch gemeinsam mit der Leitung und der Geschäftsführung der Stiftung Themen mitgestalten.

Was raten Sie Menschen, die sich für die TGJ als Arbeitgeber interessieren – warum sollte diese sich gerade hier bewerben?

Wir haben einen guten Arbeitgeber, gute Betriebsräte, sind ein tolles Team, haben eine präsente und unterstützende Geschäftsführerin, haben Freiheiten und erleben Wandel.

Frau von Reckow, zum Schluss die Frage: Was war Ihr Highlight in Ihrer Zeit in der TGJ?

Die Bandbreite von Geburt bis Tod und der Kontakt mit Menschen. Menschen sind mir sehr wichtig! Ein extremes Erlebnis war sicher die Entbindung einer Klientin, bei der ich spontan dabei war. Am Ende habe ich sogar die Nabelschnur durchtrennt. Das war wirklich ein sehr besonderer Moment, ich bin beflügelt nach Hause gefahren an dem Abend! Ich habe sie auch zu unserem TGJ-Sommerfest im September eingeladen, da ich sie gerne noch einmal sehen würde. Aber auch das andere Extrem habe ich miterlebt: Eine Klientin, die mehrfach erkrankt war, hat Suizid begangen. Das hat mich auch aus persönlichen Gründen berührt und ich war froh, dass wir in der TGJ Raum und Rituale dafür haben, damit umzugehen.

Liebe Frau von Reckow, danke für dieses Interview, das wir im August 2017 geführt haben. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihren neuen Lebensabschnitt!

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
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