19.10.2020

Sozialarbeiterin in drei Seniorenwohnanlagen der Stiftung: Kerrin Marnau

"Was ich hier erlebt habe, dafür brauchen andere eine Menge unterschiedlicher Arbeitgeber."

Frau Marnau, Sie arbeiten seit 30 Jahren in den Stiftungen! Warum?
Ich bin hier die „reisende Sozialarbeiterin“ und immer für mehrere Seniorenwohnanlagen zuständig gewesen. Für mich hat sich die Arbeit ständig geändert. Was ich hier erlebt habe, dafür brauchen andere eine Menge unterschiedlicher Arbeitgeber. Und das meine ich im positiven Sinne!

Wie begann Ihre Zeit in den Stiftungen?
Nach einer Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin und sechs Jahren im Einzelhandel habe ich meinen alten Traum verwirklicht und Sozialarbeit studiert. Nebenbei jobbte ich in der Sozialstation des ASB, das war mein Einstieg in die Seniorenarbeit. Dann habe ich in den Stiftungen angefangen als Sozialarbeiterin für drei Seniorenwohnanlagen. Im sozialen Wohnungsbau waren damals die Wohnungen sehr klein. Wer dort wohnte, tat das nicht freiwillig. Die sozialen Probleme in den Anlagen häuften sich, zum Beispiel gab es damals viel mehr als heute Probleme wegen Alkoholkonsums. Das waren die Aufgaben meiner ersten Jahre.

2006 wurde dann aus der Wohnanlage in Eidelstedt, für die Sie zuständig waren, eine Servicewohnanlage mit Betreuung. Wie war das?
Dort war unser Ruf im ganzen Stadtteil schon so schlecht geworden wegen der ganzen Probleme… Da brauchten wir eine richtig große Lösung. Und die hieß: Die Anlage wurde baulich komplett modernisiert, die Wohnungen vergrößert, ein Neubau entstand. Dieser Prozess war megaspannend, es war wirklich ein Highlight meines Berufslebens und hat auch sehr gut funktioniert. Viele Wohnungen wurden neu vermietet, es kamen die Betreuungsangebote des Service-Wohnens dazu, das hat meine Arbeit sehr verändert. Ich bin mit dieser Anlage immer noch auch emotional sehr eng verbunden. Heute bin ich dort für Bewohnerinnen und Bewohner in 146 Wohnungen, einen Hausmeister und zwei Betreuungskräfte in Teilzeit verantwortlich.

Ab 1992 waren Sie dann auch für die Servicewohnanlage der Behrs-Stiftung zuständig.
Ja, es ist eine kleine, nette, persönliche Servicewohnanlage in Horn mit 70 Wohnungen. Ich bin dort 1x die Woche vor Ort, die Seniorenbetreuerin 4x die Woche. Die Mieterschaft ist sehr aktiv und bietet viele schöne Veranstaltungen in eigener Initiative an.

Nicht zuletzt leiten Sie seit 2016 mit einer Kollegin die Seniorenwohnanlage der Carstens-Stiftung in Wilhelmsburg.
Ja, damals wurden dort zwei unserer fünf Häuser im Bestand modernisiert. Um währenddessen die Betreuung der Mieter*innen zu schaffen brauchte man mehr Personal. Ich kannte die Anlage schon lange aus Urlaubsvertretungen und so bin ich seitdem auch in Wilhelmsburg tätig. Die Modernisierung ist zwar schon länger abgeschlossen, aber wir managen die Betreuung der Mieter*innen aus rund 200 Wohnungen nun im Team und mit dem Hausmeister.

Sie waren auch für Sonderaufgaben die richtige Frau?
Danke für die Blumen, aber es war wohl so. Wo Not am Mann oder an der Frau war, wurde ich angefordert. Es gäbe dafür zig Beispiele aber eins will ich besonders erwähnen: 1992 eröffnete die Seniorenwohnanlage der Poensgen-Stiftung in Bergedorf. Das war ein Haus für Künstler im Alter, so wollte es das Stifterehepaar. Dafür habe ich dann aus vielen Bewerbungen die fast 30 Mieter*innen ausgewählt.

Was genau sind heute Ihre Aufgaben?
Alles, was man sich in so einer Servicewohnanlage vorstellen kann, das mache ich. Es gibt nichts, was es nicht gibt! Ob Vermietungen der Wohnungen, Mietergespräche, Organisation von Pflege, Hilfe bei demenziellen Veränderungen, Hilfe bei Unfällen in der Wohnung, Schlichten bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, Bearbeitung von Beschwerden, Trauerarbeit leisten, natürlich Organisation von vielen Veranstaltungen, ganz viel zuhören, das Leiten des Teams – bis hin zum Aufwischen einer Verschmutzung. Das sind alles Sachen, die ich mache. Und noch viel mehr….

Was ist das Schöne daran?
Dass man so nah am Menschen ist. Meine Mieter*innen haben ihr Leben gelebt und ich kann sie unterstützen, dass es gut bleibt oder am Ende noch ein wenig besser wird. Das erfüllt mich.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?
Plötzlich hatte ich irgendwann Mitarbeiter*innen. Das war die größte und eine sehr schöne Veränderung. Viele viele Jahre war ich Einzelkämpferin gewesen und hatte „nur“ einen engen Kontakt mit dem Leiter der Wohnungswirtschaft in der Hauptverwaltung.
Heute ist auch der Zusammenhalt unter den Einrichtungsleiterinnen der Seniorenwohnanlagen der Stiftungen sehr viel enger als früher. Es gibt regelmäßige Arbeits- und Austauschtreffen, die ich leite, und auch viele informelle Gespräche. Das ist super.
Was sich übrigens auch verändert hat, ist der Straßenverkehr. Ich bin ja jeden Tag mit dem Auto zu den Anlagen unterwegs. Aber mit den Jahren hat der Verkehr so zugenommen, dass er zur Belastung geworden ist. Und ich stecke das heute natürlich auch nicht mehr so weg wie früher.

Hat sich auch die ältere Generation verändert?
Nein, das finde ich nicht. Wir haben heute aber mehr jüngere Mieter*innen. In unseren barrierefreien Wohnungen wohnen auch Menschen ab Mitte 50. Das war früher die absolute Ausnahme. Dadurch verändert sich die Mieterstruktur und es belebt die Gemeinschaft.

Abschließend: Warum sollte man in den Stiftungen arbeiten?
Ich habe die Stiftung immer als sehr offen empfunden. Es gibt zwar Vorgaben, aber man kann seine Vorstellungen verwirklichen. Das motiviert enorm. Und nicht nur mich, denn die Verweildauer der Mitarbeiter*innen in den Stiftung ist in ganz vielen Bereichen sehr hoch. Das liegt auch am netten Miteinander. Was ich auch noch gut finde: Die betriebliche Altersvorsorge, die die Stiftung anbietet. Da ist bei mir in den 30 Jahren natürlich ganz schön was zusammengekommen :-)

Das Gespräch führten wir im September 2020. 

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
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