13.09.2019

Duale Studentin in der TGJ: Jette Bohn

"Ich werde langsam herangeführt"

Jette Bohn, heute 22, entschied sich nach einem Bundesfreiwilligenjahr in der Therapeutischen Gemeinschaft Jenfeld TGJ 2018 für ein duales Studium der Sozialen Arbeit und wählte die TGJ als Praxispartner.

Frau Bohn, wie ist es, die erste duale Studentin in der TGJ zu sein?

Auf der einen Seite ist es cool, dass die TGJ sich das zutraut – und auch mir zutraut, dass ich das kann. Auf der anderen Seite ist es auch eine Verantwortung für die Zukunft. Dass alles gut läuft und dass die TGJ und die Stiftung das Gefühl haben, das es sich lohnt in ein duales Studium zu investieren. Ich bin gespannt, es ist alles sehr neu und aufregend.

Wie funktioniert Ihr duales Studium?

Ich bin von Montag bis Mittwoch 20 Stunden bei der Arbeit. Donnerstag und Freitag habe ich Uni. Plus dem Aufwand zu Hause komme ich insgesamt auf eine 40-Stunden-Woche. Nach sieben Semestern habe ich dann - hoffentlich - meinen Bachelor in Sozialer Arbeit.

An welcher Uni studieren Sie?

An der IUBH, der Internationalen Universität Bad Honnef mit einer Zweigstelle in Barmbek – bald Eimsbüttel.

Wie finanzieren Sie das Studium wenn ich fragen darf?

Ich bekomme ein Auszubildendengehalt, von dem die Studiengebühren abgezogen werden.  Mit etwas Unterstützung meiner Eltern reicht mir das.

Wie war der Start für Sie?

Ich habe das erste Semester mit allen Klausuren und Prüfungen gut überstanden. Neu waren für mich die Präsentationsprüfungen, das kannte ich so gar nicht. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht, weil die Themen sehr interessant sind. Das zweite Semester hat mir aber noch ein bisschen besser gefallen, da es dort mehr in die Tiefe ging. Wir hatten Pädagogik, Psychologie und Recht. In der Klasse fühle ich mich auch wirklich wohl. Wir sind ca. 20 Leute, das ist ein kleiner Rahmen. Man kann viele Fragen stellen, die Dozentinnen und Dozenten sind sehr wohlwollend. Das ist schon ganz cool.

Und wie läuft es in der TGJ?

Im ersten Semester war ich in der Sozialen Reha. Meine Anleiterin hat mir gezeigt, wie der Arbeitsalltag aussieht. Sie hat mich in Einzelgespräche mit Klientinnen und Klienten mitgenommen, ich habe mir aber auch Gruppensitzungen angeguckt. Und ich habe einen Eindruck vom Berichtswesen bekommen.

Dann kam ich im zweiten Semenster in die Adaption, wo es um die berufliche Wiedereingliederung der Klientinnen und Klienten geht. Da bin ich hauptsächlich mit den Kolleginnen und Kollegen mitgelaufen und habe mir die Arbeit angeschaut, war in Einzelgesprächen und in den Gruppensitzungen dabei. Aber ich mache auch BADO,  die „Basisdokumentation“, bei der die Daten suchtkranker Menschen aufgenommen werden. Das müssen alle Hamburger Suchthilfeeinrichtungen machen, um stadtweit Statistiken zu erstellen und Schlüsse ziehen zu können, welche Zusammenhänge es z.B. bei einer Suchterkrankung gibt.

Werden Sie Semester für Semester ein Segment der TGJ durchlaufen?

Das entscheiden wir nach Bedarf. Nach der Adaption bin ich in die Vorsorge gegangen, in der ich zur Zeit auch arbeite. Ich kann auch mitgestalten - ich bin ja die erste duale Studentin, da gibt es noch keinen festen Plan. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Das Ziel ist, dass ich immer mehr Verantwortung bekomme.

Sie haben eine feste Anleiterin?

Ja, sie ist richtig fit in Studiendingen und betreut mich während des gesamten Studiums. Ich komme sehr gut mit ihr zurecht.

Was an Ihrer Arbeit in der TGJ gefällt Ihnen am besten?

Ich finde den Wechsel zwischen therapeutischem  Arbeiten und sozialarbeiterischen Tätigkeiten spannend. Es kommt immer sehr darauf an, was der Mensch gerade braucht. Darauf muss man sich einstellen.

Und was macht Ihnen am meisten Spaß?

Ich tausche mich gerne mit den Teams über einzelne Klientinnen und Klienten aus, bilde mir meine Meinung und höre gerne deren Ansicht, um abzugleichen, ob ich Menschen gut einschätzen kann. Ich halte die TGJ-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sehr kompetent und stehe ja noch am Anfang. Der Abgleich gibt mir dann Sicherheit.

Was sind schwierige Situationen in Ihrem Alltag?

Bislang noch nichts. Vielleicht kommt das, wenn ich mit den Klienten und Klientinnen im Einzelkontakt bin. Klar, ich höre belastende Lebensgeschichten oder -ereignisse und da bin ich auch empathisch und mache mir meine Gedanken. Aber wenn man mit Erwachsenen arbeitet, kann man sich besser abgrenzen finde ich.

Haben Sie das schon als Bundesfreiwillige lernen müssen: sich abzugrenzen?

Jetzt ist es nochmal anders, weil ich näher an den Klienten und Klientinnen dran bin. Im Bundesfreiwilligendienst habe ich es in Berichten lesen können. Aber das ist ja gerade das Gute, dass ich langsam herangeführt werde.  

Der Bundesfreiwilligendienst war also eine gute Vorbereitung?

Definitiv.

Wieso sind Sie in die TGJ zurückgekehrt?

Ich habe mich sehr gut mit den Kollegen und Kolleginnen verstanden und mich sehr wohlgefühlt. Alle waren immer hilfsbereit und haben mir viel gezeigt. Ich konnte in jeden Bereich hineinschnuppern. Das bestätigt sich jetzt. Ich hatte auch schon die Möglichkeit in anderen Einrichtungen der Stiftungen zu hospitieren, ich war schon in der Kinder- und Jugendhilfe. Eventuell werde ich dort auch ein Semester verbringen.

Was ist für Sie der Vorteil eines dualen Studiums?

Man sagt ja immer: Die Verknüpfung von Theorie und Praxis. Im zweiten Semester ist mir das sehr bewusst geworden. Man kann viel mehr mit den Dingen anfangen, die einem in der Uni gesagt werden, wenn man sie schon erlebt hat. Man erinnert sich an spezielle Situationen, wenn man in der Uni über ein bestimmtes Thema etwas lernt. Oder man findet etwas in der Praxis wieder. Man ist wacher. Aber es ist auch anstrengender als ein normales Studium, denke ich. Schlafen bis zwölf und mal `ne Vorlesung schwänzen ist nicht! Es gibt Anwesenheitspflicht in den Vorlesungen und natürlich auch bei der Arbeit. Wenn man dazu richtig Lust hat und ehrgeizig ist, dann ist das auf jeden Fall eine gute Sache.

Danke Frau Bohn. Das Interview führten wir im September 2019.

 

 

Kopfgrafik Alida Schmidt-Stiftung
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